Eine inhaltiche Eindordnung der Sicht auf Qualität in der Naturraumpädagogik nach dem Buch Naturraum-Pädagogik von Ingird Miklitz in der Neuauflage 2025 durch Tobias Schießer

Qualität im Wald- und Naturkindergarten nach Ingrid Miklitz

Ein Waldkindergarten ist nicht automatisch ein guter Waldkindergarten, nur weil die Kinder den ganzen Tag draußen sind. Entscheidend ist, wie wir den Naturraum verstehen, wie wir mit ihm umgehen und welche Erfahrungen wir den Kindern darin ermöglichen.

Ingrid Miklitz beschreibt in ihrem Buch Naturraum-Pädagogik Qualitätskriterien, die uns dabei helfen, die eigene pädagogische Arbeit zu hinterfragen. Dabei wird deutlich: Gute Naturraumpädagogik braucht nicht immer mehr Angebote, Materialien und Gestaltung. Oft braucht sie vor allem eines: Zurückhaltung.

Die Natur ist mehr als ein Spielplatz

Der Wald ist kein Gruppenraum ohne Dach und Wände. Er ist ein eigenständiger Lebensraum mit Pflanzen, Tieren, Pilzen, Bodenlebewesen und natürlichen Kreisläufen.

Wir nutzen diesen Raum, aber er gehört nicht nur uns.

Miklitz spricht deshalb von einer mitweltaffinen Pädagogik. Wir betrachten die Natur nicht ausschließlich danach, was sie uns Menschen bietet. Wir fragen auch, wer hier bereits lebt und welche Auswirkungen unsere Anwesenheit auf diesen Lebensraum hat.

Das bedeutet ganz praktisch: Wir schützen Rückzugsorte für Tiere, vermeiden die dauerhafte Übernutzung unserer Waldplätze und lassen natürliche Strukturen möglichst unangetastet.

Nicht jeder Bereich muss für Kinder zugänglich sein. Manche Orte dürfen ausschließlich den Tieren gehören.

Weniger Gestaltung schafft mehr Möglichkeiten

Ein Waldsofa, ein Weidentipi, eine MatschkĂĽche oder ein Niedrigseilgarten: Vieles davon entsteht aus dem Wunsch heraus, den Kindern etwas Gutes zu bieten.

Aber braucht die Natur diese Ergänzungen überhaupt?

Miklitz beschreibt die weitgehend autonome Strukturierung des Naturraums als wesentliches Qualitätsmerkmal. Ein guter Naturraum muss nicht erst von Erwachsenen gestaltet werden, damit Kinder darin spielen und lernen können.

Ein umgestürzter Baum, eine Bodenmulde, ein Wurzelteller oder ein Haufen Äste bieten unzählige Möglichkeiten. Und zwar solche, die nicht schon durch ihre Gestaltung eine bestimmte Nutzung vorgeben.

Das gilt auch für Spielmaterialien. Ein Stock ist nicht von vornherein ein Schwert, ein Kochlöffel oder eine Angel. Erst das Kind entscheidet, was daraus wird.

Deshalb gehört der weitgehende Verzicht auf vorgefertigtes Spielzeug für Miklitz zur Qualität eines Naturkindergartens.

Nicht wir Erwachsenen mĂĽssen den Spielwert der Natur herstellen. Die Kinder entdecken ihn selbst.

Naturerfahrungen lassen sich nicht ersetzen

Eine echte Pfütze ist mehr als eine mit Wasser gefüllte Wanne. Ein lebendiger Regenwurm bietet andere Erfahrungen als ein Bild im Bestimmungsbuch. Und ein morscher Baumstamm ist etwas anderes als ein künstliches Klettergerät.

Kinder lernen, indem sie ihre Umwelt mit allen Sinnen erfahren, sich bewegen, ausprobieren, beobachten und eigene SchlĂĽsse ziehen.

Die Natur bietet dafür immer neue Bedingungen. Nichts bleibt dauerhaft gleich. Wetter, Jahreszeiten, Licht, Gerüche, Geräusche und Lebewesen verändern den Erfahrungsraum ständig.

Das macht die Natur zu einem Lern- und Erfahrungsraum, der keine vorgefertigten Beschäftigungsprogramme benötigt.

Kinder brauchen Herausforderungen – keine vollständige Absicherung

Kinder wollen klettern, balancieren, springen, bauen und ihre eigenen Grenzen herausfinden.

Natürlich haben wir Erwachsenen die Verantwortung, sie vor Gefahren zu schützen. Aber wenn wir ihnen jedes Risiko abnehmen, nehmen wir ihnen auch wichtige Lernmöglichkeiten.

Miklitz betont, dass Risikokompetenz nur durch tatsächliche Erfahrungen entstehen kann. Dazu müssen wir Kinder aufmerksam beobachten, ihre Fähigkeiten kennen und ihnen Herausforderungen zutrauen.

Auch kleinere Misserfolge und unangenehme Situationen gehören dazu. Ein misslungener Sprung, kalte Hände oder eine Hütte, die beim Bauen wieder zusammenfällt, können wertvolle Erfahrungen sein.

Entscheidend ist, dass die Herausforderungen für das jeweilige Kind bewältigbar bleiben.

Kinder wollen nicht nur spielen

Ein weiterer wichtiger Gedanke bei Miklitz ist der lebenspraktische Ansatz.

Kinder wollen gebraucht werden. Sie möchten mithelfen, Verantwortung übernehmen und erleben, dass ihre Tätigkeit einen wirklichen Sinn hat.

Gemeinsam Brennholz sammeln, Schuhe reinigen, etwas reparieren, Beeren verarbeiten oder den eigenen Platz pflegen: Solche Aufgaben sind keine künstlichen pädagogischen Angebote. Sie entstehen aus dem Alltag und haben einen tatsächlichen Nutzen.

Das freie Spiel bleibt wichtig. Aber ebenso wichtig ist die Erfahrung, einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten zu können.

Auch der Natur etwas zurĂĽckgeben

Naturraumpädagogik bedeutet nicht, dass wir uns alles nehmen dürfen, was wir in der Natur finden.

Wir mĂĽssen auch die Folgen unserer Nutzung berĂĽcksichtigen.

Wenn der Boden durch häufiges Spielen verdichtet wird, Pflanzen nicht mehr wachsen oder Rückzugsräume für Tiere verloren gehen, müssen wir unser Verhalten verändern.

Manchmal bedeutet das, einen Platz eine Zeit lang nicht mehr zu nutzen. Manchmal können wir beanspruchte Flächen pflegen oder durch Begrünung wieder etwas zurückgeben.

Miklitz fordert außerdem, Plastik möglichst zu vermeiden und grundsätzlich auf die Neuanschaffung von Materialien aus Plastik zu verzichten.

Nachhaltigkeit wird damit nicht zu einem zusätzlichen Bildungsangebot. Sie wird im Alltag gelebt.

Unsere wichtigste Aufgabe: aufmerksam begleiten

Vielleicht liegt gerade hier eine der größten Herausforderungen für uns pädagogische Fachkräfte.

Wir müssen nicht jede Beobachtung erklären, jede Entdeckung aufgreifen oder jede Spielidee weiterentwickeln.

Manchmal ist das Beste, was wir tun können, einfach aufmerksam da zu sein.

Ein Kind, das lange einen Käfer beobachtet, braucht nicht unbedingt eine Bestimmungshilfe. Kinder, die gemeinsam eine Hütte bauen, benötigen nicht automatisch einen Bauplan. Und wer eine Pfütze erforscht, muss daraus kein angeleitetes Experiment machen.

Kinder brauchen Zeit, Platz und Stille. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen vertrauen, ihnen etwas zutrauen und ihre eigenen Wege respektieren.

Gute Qualität zeigt sich auch daran, was wir weglassen

Wenn wir über Qualitätsentwicklung in Wald- und Naturkindergärten sprechen, sollten wir deshalb nicht nur fragen, was wir zusätzlich anbieten, anschaffen oder verbessern können.

Wir sollten uns genauso fragen:

  • Welche Eingriffe in unseren Naturraum sind wirklich notwendig?
  • Wo nehmen wir Kindern Erfahrungen ab, die sie selbst machen könnten?
  • Welche Materialien und Angebote unterstĂĽtzen tatsächlich die Naturerfahrung – und welche ersetzen sie?
  • Lassen wir der Natur und den Kindern genĂĽgend Raum fĂĽr eigene Entwicklungen?
  • Wie können wir unseren Naturraum nutzen, ohne seine Lebensgrundlagen zu beeinträchtigen?

Gute Naturraumpädagogik bedeutet nicht, möglichst wenig Verantwortung zu übernehmen. Im Gegenteil: Sie verlangt genaues Hinsehen, fachliches Wissen, bewusstes Handeln und die Bereitschaft, die eigenen pädagogischen Gewohnheiten immer wieder zu hinterfragen.

Vielleicht ist die wichtigste Qualitätsfrage deshalb nicht: Was können wir den Kindern noch bieten? Sondern: Was können wir weglassen, damit Kinder und Natur mehr Raum bekommen?

Grundlage dieses Beitrags: Ingrid Miklitz, „Naturraum-Pädagogik. Pädagogische Ansätze in der Kita“, Herder Verlag, Neuausgabe 2025, insbesondere S. 28–54. Der Beitrag ist eine redaktionelle Zusammenfassung und Einordnung der dort beschriebenen Qualitätskriterien und pädagogischen Grundsätze. Die abschließenden Reflexionsfragen sind daraus abgeleitet und keine wörtlichen Aussagen der Autorin.

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© 2026 Tobias Schießer

Dieser Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen – Weitergabe unter gleichen Bedingungen (CC BY-ND 4.0) veröffentlicht.

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Zitationsempfehlung:

Schießer, Tobias (30.10.2026): Weniger machen, mehr ermöglichen – was gute Naturraumpädagogik ausmacht. Veröffentlicht unter: https://waldkindergartenservice.de/waldkindergarten/gratis-lesen/qualitaet-naturraum-paedagogik-nach-miklitz/. Lizenz: CC BY-ND 4.0.

Lizenzdetails: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/4.0/deed.de

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